Woyzeck – mehr als nur Abiturvorgabe?

5.01.2023 | Aktuelles, Allgemein, Deutsch, Kultur, Theater

Über das Dramenfragment „Woyzeck“, geschrieben von Georg Büchner 1836, lassen sich die verschiedene Meinungen finden: Von literarischem Meisterwerk des Realismus bis hin zu Nachtlektüre zum Einschlafen ist alles dabei. Doch wie interpretieren junge Schauspieler der Theaterschule Aachen das Stück? Dies konnten wir bei einer Auffühurung für die gesamte Jahrgangsstufe Q1 am 19. Dezember in der Aula des Stiftischen Gymnasiums erleben. Im Gesamten haben sich die Regisseure für eine dramennahe Version der Geschichte des armen Wehrmannes Woyzeck entschieden, welcher von seiner Freundin Marie, mit der er ein Kind hat, betrogen wird und sie daraufhin tötet. So konnte man bei einigen Mono- und Dialogen wörtlich im Werk mitlesen.

Da die Lektüre als offenes Drama betitelt werden kann, variiert die Szenenabfolge, doch das Ensemble hat sich für eine sinnvoll gegliederte Szenenfolge entschieden und sie dabei sogar noch um einige Szenen erweitert. Diese hinzugefügten Szenen halfen, rückblickend das Leben des Woyzeck besser zu verstehen, wie zum Beispiel die Szene mit dem Puppenspiel: Woyzecks Geschichte wurde als Puppenspiel vorgespielt. Eine Frau wurde in diesem Spiel ermordet, wobei sie für Marie steht und ihr Mann, der sie ermordete, für Woyzeck. Diese Andeutung auf den späteren Mord versteht man erst, wenn man das Stück gesehen hat.

Genauso waren die Rahmenbedingungen sehr gut gewählt. Das Stück fing an mit einer Richterin, die die Situation erklärt, ein Mann am Rand ruft die Wörter „Wir werden alle sterben!“ aus. In der Mitte der Szene sitzt Woyzeck, den Rücken rund und im Gesicht müde und kaputt. Am Ende wiederholt sich diese Szene, der Mann am Rand, Woyzeck noch müder als vorher und die Richterin, die eine Glocke leutet und verkündet, dass es vorbei ist.

Jedoch gibt es auch Kritik zu üben, wenn auch nur Kleinigkeiten: Büchner stellte sich Marie als eine Schönheit mit tiefschwarzen Haaren vor. Diese Ansicht teilt die Regisseurin jedoch nicht. Eine Theaterinszenierung lässt zwar Platz für Spekulationen und Spielraum, jedoch eine zentrale Figur, welche im Jahr 1836 lebte, von einer Frau mit pinken Haaren verkörpern zu lassen, sprengt den Rahmen. Nicht nur das Pink und Schwarz nicht einmal annähernd verwandt sind, sondern auch die Tatsache, dass man im 19. Jahrhundert keine pinke Haartönung hatte, stört das Auge des Betrachters. Ebenso fiel ein kleines Tattoo in der Innenseite des linken Unterarmes der Schauspielerin Maries auf. Ein wenig Foundation und/oder Concealer hätten „Marie“ noch echter wirken lassen, und das mit nur fünf Minuten Mehraufwand.

Besonders gut zur Geltung kam das Bühnenbild, welches sowohl funktional als auch optisch ansprechend war. In Verbindung mit der musikalischen Untermalung kam insbesondere die Szene am kleinen Teich mit Woyzeck und Marie hervorragend herüber. Ich denke, man kann diese Szene als am besten umgesetzt bezeichnen; besonders unter Berücksichtigung des noch jungen Alters der Schauspieler. Im Nachgespräch durften wir erfahren, dass der „Doktor“ erst vor drei Jahren Abitur gemacht hat. Alle, die mitgespielt haben, besuchen noch die Schauspielschule, von daher ist die Leistung, die sie erbracht haben, besonders groß. Alles in allem verrate ich nicht zu viel, wenn ich sage, dass es sich auf jeden Fall lohnt, diese Inszenierung anzusehen und selber mit Woyzeck mitzufiebern!

Text: Felicia Esser
Fotos: Kl, Lnr

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