Was macht eine gute Freundschaft aus? Gibt es so etwas wie „wahre“ Freundschaft? Warum brauchen wir andere Menschen? Und kann man trotz vieler Kontakte in sozialen Netzwerken einsam sein? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler der vier 9. Klassen am 1. und 2. Oktober gemeinsam mit dem freien Philosophen, Schriftsteller und Redner Dr. Jörg Bernardy. Unter dem Titel „Freundschaft und Politik“ ging es in jeweils dreistündigen Workshops zunächst ganz grundsätzlich um die Frage, was Freundschaft eigentlich bedeutet.
Ein wichtiger Schwerpunkt war dabei das Verhältnis von Wahrheit, Lüge, Vertrauen und Freundschaft. Ab wann wird aus einer Unwahrheit eigentlich eine Lüge? Kann eine Lüge zu einem guten Zweck gerechtfertigt sein? Würde man für jemand Fremdes lügen? Würde man zumindest für einen Freund oder eine Freundin eine Lüge in Kauf nehmen? Und kann man mit jemandem befreundet sein, dem man nicht vertrauen kann? Solche Fragen führten schnell zu persönlichen Erfahrungen und unterschiedlichen Sichtweisen.
Auch verschiedene Formen von Freundschaft wurden unter die Lupe genommen. Was unterscheidet eine Zweckfreundschaft von einer Freundschaft, die auf der Wertschätzung des anderen als Person beruht? Und wie wichtig ist es, dass man den anderen Menschen nicht nur wegen eines persönlichen Vorteils schätzt? Bernardy regte die Schülerinnen und Schüler dabei dazu an, die eigenen Vorstellungen von Freundschaft zu hinterfragen, beispielsweise mit der durchaus herausfordernden Frage: Wie gerne hättest du dich selbst als beste Freundin oder besten Freund?
Für die Diskussion brachte Bernardy immer wieder philosophische Impulse ein, unter anderem von Hannah Arendt. So wurde darüber gesprochen, was Freundschaft mit Vertrauen, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Glück und unserem Zusammenleben zu tun hat. Dabei wurde deutlich, dass Freundschaft weit über das private Miteinander hinausweisen kann. Denn auch Politik beruht auf Beziehungen, Netzwerken und der Fähigkeit von Menschen, sich zusammenzuschließen. Wofür brauchen wir Gleichgesinnte? Inwiefern können politische Überzeugungen Freundschaften beeinflussen oder sogar zerstören? Und inwieweit beruhen freie und demokratische Gesellschaften auf Vertrauen, Zusammenhalt und Beziehungen zwischen Menschen? Bernardy gab keine fertigen Antworten vor, sondern stellte Fragen, auf die es nicht unbedingt eine eindeutige Lösung gibt. Die Schülerinnen und Schüler diskutierten zu zweit, in Kleingruppen und im Plenum, widersprachen einander, entwickelten eigene Gedanken weiter und mussten dabei immer wieder ihre Position begründen.
Nach zwei intensiven Tagen mit insgesamt vier dreistündigen Workshops und rund 110 Schülerinnen und Schülern der vier 9. Klassen zog Bernardy ein positives Fazit. Jede Klasse sei anders und entwickle ihre ganz eigene Dynamik. Umso wichtiger sei es, sich auf die jeweilige Gruppe einzulassen und die Fragen und Gedanken der Jugendlichen aufzunehmen. Besonders angetan war er von der Beteiligung der Jugendlichen: „Beeindruckend fand ich die vielen Antworten und Impulse der Schülerinnen und Schüler und die Art und Weise, wie sie auch miteinander ins Gespräch gegangen sind und sich ausgetauscht haben.“
Für unsere Schülerinnen und Schüler waren die Workshops damit eine besondere Gelegenheit, über etwas scheinbar Alltägliches wie Freundschaft einmal ganz grundsätzlich nachzudenken. Als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist uns dabei besonders wichtig, solche Fragen des respektvollen Miteinanders und des gesellschaftlichen Zusammenhalts immer wieder aufzugreifen. Dabei zeigte sich, dass Fragen nach Wahrheit, Vertrauen und Zusammenhalt schnell weit über den eigenen Freundeskreis hinausführen, nämlich bis hin zu der Frage, wie wir als Gesellschaft miteinander leben wollen.
Am Ende der Workshops bot Bernardy den Jugendlichen kostenlos Exemplare seines Buches „Ich glaube, es hackt!“ an. Viele Schülerinnen und Schüler nahmen das Angebot gerne an und nutzten die Gelegenheit, sich ihr Exemplar persönlich vom Autor signieren zu lassen. Ermöglicht wurde die Veranstaltung durch die großzügige finanzielle Unterstützung des Kinder- und Jugendbeirats der Dürener Bürgerstiftung sowie des Vereins der Freunde und Förderer des Stiftischen Gymnasiums. Für diese Unterstützung bedanken wir uns herzlich.
Text: Andreas Posch

