Es war eine besondere Zeitreise für die Zuhörer, die sich am 3. Februar 2026 im Musiksaal versammelt hatten, um der Hommage an Dieter Kühn beizuwohnen, mit der die Reihe „Lesung und Gespräch“ im Rahmen des Jubiläumsprogramms zur 200-Jahrfeier des Stiftischen Gymnasiums fortgesetzt wurde. 1955 hatte Dieter Kühn, der 1935 in Köln geboren wurde und 2015 in Brühl starb, am Stift sein Abitur gemacht und damals angegeben, Journalist werden zu wollen. Nach dem Studium der Germanistik und der Anglistik, das er in Bonn mit seiner Promotion abschloss, entschloss er sich dazu, freier Schriftsteller zu werden.

Schon früh schrieb er Hörspiele für das Radio. 1971 erschien sein Roman „Ausflüge im Fesselballon“, der vom Leben des Lehrers Wolfgang Braemer erzählt, der in seinem Alltag gefangen ist und dessen Handlungsoptionen im Text durchgespielt werden. Nachdem Dieter Kühn bereits 1977 eine Neuausgabe des Romans vorgelegt hatte, wurde im Sommer 2025 anlässlich seines 10. Todestages posthum sein Buch „Ausblicke vom Fesselballon“ veröffentlicht, das den Stoff erneut aufgreift und an dem der Autor bis kurz vor seinem Tod gearbeitet hat.
Für seine Biographien, Romane, Erzählungen, Hörspiele und hoch gerühmten Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen (das „Mittelalter-Quartett“) erhielt Dieter Kühn den Hermann-Hesse-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und zuletzt die Carl-Zuckmayer-Medaille. Zu seinen Werken gehören große Biographien über Clara Schumann, Maria Sibylla Merian, Gertrud Kolmar sowie sein berühmtes Buch über Oswald von Wolkenstein, Romane („Geheimagent Marlowe“), historisch-biographische Studien („Schillers Schreibtisch in Buchenwald“) und Erzählungsbände („Ich war Hitlers Schutzengel“). Zuletzt erschienen die beiden autobiographischen Bände „Das Magische Auge“ und „Die siebte Woge“ sowie sein Theaterbuch „Spätvorstellung“.
Zu Beginn der Veranstaltung erinnerte Dr. Achim Jaeger an jene Hommage an Dieter Kühn, die im März 2016 im Leopold-Hoesch-Museum stattgefunden hatte, und spannte den Bogen zum aktuellen zweiten Teil der Reise auf der Zeitachse. Damals wie heute konnte Bernt Hahn als Vorleser gewonnen werden, der als professioneller Sprecher seit Jahren für alle Rundfunkanstalten tätig und auch mit eigenen literarischen Programme unterwegs ist. Mit Dieter Kühn hatte er u. a. während der Arbeit am Hörbuch „Der Parzival des Wolfram von Eschenbach“ zusammengearbeitet.
Zu Beginn der Lesung rückte auf sehr persönliche Weise die Lebenswelt des Schülers Dieter Kühn in den Blick. Ausgewählte Passage aus dem Lebensbuch „Das Magische Auge“ ließen die Alltagswelt und den Schulalltag in den 1950er Jahren lebendig werden. Die Projektion von Fotos aus der Schulzeit des Schriftstellers unterstützte dessen Schilderungen – wunderbar vorgetragen von Bernt Hahn – eindrücklich. Auch die weiteren Etappen auf der Zeitachse gewannen so Kontur.


Bekannt wurde Dieter Kühn 1977 mit der Aufsehen erregenden Biografie über den spätmittelalterlichen Dichter Oswald von Wolkenstein. Für Dr. Achim Jaeger und Bernt Hahn war „Ich Wolkenstein“ dann auch der Ausgangspunkt für eine literarische Reise, in deren Verlauf zugleich die Arbeitsweise des Autors und die jeweilige Annäherung an seine Stoffe begreifbar wurden.
Von Düren über Köln ging es zunächst nach Wolkenstein, ins Grödnertal (italienisch: Val Gardena) nach Südtirol, um sich Oswald und zugleich der Arbeitsweise Dieter Kühns anzunähern. Aus dem „Mittelalter-Quartett“ Dieter Kühns folgten dann Passagen aus dem Parzival-Buch. Der Weg nach und die Spurensuche in Wolframs Eschenbach vermochten zu deutlichen, was Dieter Kühn unter „Schreiben auf der Zeitachse“ verstand.
Da aus der Fülle des umfangreichen literarischen Werkes eine Auswahl zu treffen war, gab es am Ende „Ausblicke vom Fesselballon“: Im Fokus das eintönige Leben des Lehrers Lothar Bremer, der an einer Schule in Hürth unterrichtet. Der Text lässt nicht nur tief in die inneren und äußeren Umstände des Protagonisten blicken, sondern er spiegelt zugleich die gesellschaftlichen Verhältnisse der 1980er Jahre in Köln und der Region des Rheinischen Braunkohlereviers. Deutlich werden auch hier die sprachliche Kraft und die große Kunstfertigkeit Dieter Kühns.
Am Schluss hob Dr. Achim Jaeger hervor: „Wir haben mit Dieter Kühns Büchern einen wahren Schatz. Das Werk, der Autor und der Mensch Dieter Kühn bleiben uns in wacher Erinnerung.“ Mit großem Dank an Bert Hahn für seine eindrucksstarke Lesung endete der denkwürdige Abend zu Ehren des bemerkenswerten Schriftstellers, verbunden mit der Einladung, Dieter Kühns Bücher zu lesen und die literarische Reise auf der Zeitachse individuell fortzusetzen. Die Veranstaltung wurde freundlich unterstützt vom Verein der Freunde und Förderer des Stiftischen Gymnasiums e. V. (VFF).
Fotos: Dr. Achim Jaeger