„Ich schreibe über Wendepunkte der deutschen und europäischen Geschichte“, sagt Tilman Röhrig. Um den Wandel der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Deutschland der 1920er, 1930er und 1940er Jahre vor Augen zu führen, bietet es sich an, von Erich Kästner zu erzählen, dessen Leben und Entwicklung als Journalist, Schriftsteller und Drehbuchautor sich in den Zeitläuften spiegelt.

In der Weimarer Republik als Lyriker geschätzt und mit „Emil und die Detektive“, einem modernen Roman für Kinder, zu internationaler Bekanntheit gelangt, wurde er aufgrund seiner antimilitaristischen Gedichte und publizistischen Arbeiten von den aufstrebenden Nationalsozialisten verachtet. Seine Bücher wurden am 10. Mai 1933 öffentlich verbrannt und verboten. Erich Kästner blieb in Deutschland und konnte trotz eines Schreibverbotes durch eine Sondergenehmigung der Reichsschrifttumskammer unter dem Pseudonym Berthold Bürger weiterarbeiten und z. B. das Drehbuch für den Ufa-Film „Münchhausen“ (1943) schreiben.
Im voll besetzten Musikraum des Stiftischen Gymnasiums las Bestsellerautor Tilman Röhrig am 4. Mai 2026 ausgewählte Stellen aus seinem aktuellen Erich-Kästner-Roman „Und ohne Tabu explodiert die Welt“. In seinen historischen Romanen vermittelt der Autor seinen Lesern immer wieder das Gefühl, unmittelbar am Geschehen teilzuhaben, Zeuge der Geschichte zu sein. Meisterhaft verstand es Tilman Röhrig auch an diesem Abend, seinen Protagonisten Erich Kästner und dessen Welt lebendig werden zu lassen.
Angefangen von der ersten Begegnung seiner späteren Sekretärin Elfriede Mechnig mit den „drei Erichen“ (Kästner, Ohser, Knauf) bis hin zu der erschütternden Erfahrung bei der Premierenvorstellung des Films „Im Westen nichts Neues“ Anfang Dezember 1930 im Mozartsaal, einem großen Kino am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg. Hier kam es in Anwesenheit von NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels zu einem Aufruhr im Saal, in dessen Verlauf SA-Leute auf Zuschauer einschlugen, Stinkbomben geworfen und Mäuse freigelassen wurden, worauf Panik ausbrach.
Auch Einblicke in Erich Kästners Privatleben gewährte die Lesung. Thematisiert wurde Kästners Freundschaft zu Erich Ohser, der unter dem Pseudonym o. e. plauen die äußerst erfolgreichen Bildergeschichten von Vater und Sohn schuf, und Erich Knauf, der von 1928 bis 1933 als Schriftleiter das Programm der Büchergilde Gutenberg in Berlin gestaltete, 1934 inhaftiert und 1944 aufgrund regimekritischer Äußerungen hingerichtet wurde.
Die gezielten Gewalttaten der Nationalsozialisten wurden am Beispiel des Kurfürstendamm-Krawalls vom 12. September 1931 eindrücklich beschrieben. Am jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana griffen SA-Angehörige Passanten an, zerstörten Geschäfte. Es war dies der Auftakt gewaltsamer Übergriffe vor der Machtübernahme am 30. Januar 1933.
Mehr als zwei Jahre hat Tilman Röhrig intensiv recherchiert und geschrieben, um den Roman zu vollenden, der auf historischen Fakten und Kästners Aufzeichnungen basiert. Entstanden ist sein vielleicht politischstes Buch, das alle Anwesenden tief beeindruckte. Im Gespräch mit dem Autor bot sich am Ende der Veranstaltung, die von Dr. Achim Jaeger moderiert wurde, Gelegenheit zu Nachfragen und zum persönlichen Austausch. Freundlich unterstützt wurde die Lesung mit Tilman Röhrig von der Bürgerstiftung Düren und dem Verein der Freunde und Förderer des Stiftischen Gymnasiums. Im Rahmen der Reihe „Lesung und Gespräch“ war der literarische Abend Teil des Programms zum diesjährigen Schuljubiläum „200 Jahre Gymnasium“.
Text und Foto: Dr. Achim Jaeger