Eine Zeitzeugin zur DDR-Geschichte zu Gast am Stiftischen Gymnasium

27.02.2012 | Neuigkeiten, Projekte, Veranstaltungen

„Es ist eine menschliche Verpflichtung aufzuklären!“ (Ellen Thiemann)

Mit der Ankündigung eine „doppelte Zeitzeugin“ zu sein, weckte die Journalistin Ellen Thiemann aus Köln sogleich die Erwartungen ihrer Zuhörerschaft. So begann sie ihren Vortrag vor den Schülern des Grundkurses Geschichte der Jahrgangsstufe 13 von Geschichtslehrer Marcel Klemm mit ihren Erinnerungen an den Mauerbau des Jahres 1961, zugleich das Geburtsjahr ihres Sohnes. Im weiteren Verlauf bezog sie den Mauerfall 1989 und die Zeit nach der Wiedervereinigung sowie die Aufarbeitung der SED-Diktatur mit ein.
Im Jahr 1971 habe sich die gebürtige Dresdenerin gemeinsam mit ihrem Mann, dem Fußballer und Sportjournalisten Klaus Thiemann, zur sogenannten „Republikflucht“ aus der DDR entschlossen. Motive für die Flucht habe es gleich mehrere gegeben, u.a. das Aushorchen ihres Sohnes im Kindergarten, ob dieser die westdeutsche Variante des Sandmännchens gesehen habe oder aber doch die systemkonforme ostdeutsche Version bevorzuge. Auch die auf perfide Art heraus gekitzelte Vorliebe der Kinder für das sowjetische Raumschiff MIR oder die US-Enterprise wurde als Gesinnungsorientierung im „kalten Krieg“ interpretiert. Als dann auch noch die Postpakete der westdeutschen Verwandten kontrolliert worden seien, habe sich die Familie 1972 zur Flucht in den Westen entschlossen. Dort lebte beispielsweise der Zwillingsbruder von Ellen Thiemann im rheinischen Köln. Wie sollte aber diese Flucht erfolgreich gestaltet werden?
Mehrere Möglichkeiten seien in Betracht gezogen worden, doch die erste Fluchtoption sei gescheitert. Ein Fischkutter sollte die Familie von Polen aus heimlich auf dem Wasserweg nach Westdeutschland transportieren. Aus ungeklärten Gründen sei der Kutter jedoch nicht gekommen, dafür seien weitere Abhörmethoden der Staatssicherheit (Stasi) beispielsweise ein Sender im Fernsehgerät gefolgt und hätten somit für weiteren Unmut gesorgt. Die zweite Flucht sollte mit Hilfe eines westdeutschen Fluchthilfeunternehmens mittels Autoversteck in die Tat umgesetzt werden, wurde jedoch am Grenzübergang vereitelt, man schien sie und ihren Sohn dort schon erwartet zu haben. Ellen Thiemann habe sich zum Schutz von Mann und Kind vor ihre Familie gestellt und die alleinige Schuld auf sich genommen, um eine drohende Einweisung des Kindes in ein Kinderheim zu verhindern.
Bereits die folgende Untersuchungshaft habe die rigiden Methoden der Stasi offenbart, um von Ellen Thiemann eine Beschuldigung ihres Mannes zu erreichen. Sie sei jedoch bei ihrer Version geblieben, trotz vielfacher Folter wie Schlafentzug, Einsatz von Psychopharmaka und Isolationshaft sowie ständigen Verhören und den daraus resultierenden Selbstmordgedanken. Sie wurde zu drei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt, ein überaus hartes Urteil, insbesondere für eine Mutter.
Ellen Thiemann wurde in einer stark überlegten mittelalterlichen Festung, dem Frauengefängnis Hoheneck, inhaftiert und dort zu „doppelter Zwangsarbeit“ genötigt, das heißt, dass sie neben der achtstündigen Schicht an den Elektromotoren u.a. noch Teppiche knüpfen sowie Wandteller, Ledermappen und weitere Kunstartikel gestalten musste, da sie künstlerisch talentiert sei. Der Alltag in Hoheneck sei geprägt durch die schlechte Versorgung in allen Bereichen gewesen. Zudem habe es keinerlei Freizeitangebote gegeben, abgesehen von einem Buch zur Lektüre pro Monat je Häftling und der stark beschränkten Kommunikationsmöglichkeiten und Besuchstermine für die Familie und Freunde. Zudem hätten die politischen Häftlinge sehr unter den Schikanen der Aufseherinnen und der kriminellen Gefangenen zu leiden gehabt. Ellen Thiemann sei suggeriert worden, dass eine Republikflucht gleich nach einem Massenmord komme.
Ein Freikauf durch die BRD sei für Ellen Thiemann nicht möglich gewesen, da sie nicht geschieden gewesen sei und ihren Mann gedeckt habe. Nach dem Ende der Haftzeit 1975 habe sie dann erfahren müssen, dass ihr Mann eine neue Partnerin habe und es keine Alternative zur Scheidung mehr gäbe. Sie habe das Sorgerecht für ihren Sohn erhalten und sich noch im gleichen Jahr entschlossen, die DDR mit der Unterstützung des Anwaltes Wolfgang Vogel zu verlassen. Erst die seltener angewandte sogenannte „Familienzusammenführung“ mit ihren u.a. in Köln lebenden Angehörigen habe den so sehnlich erhofften Weg in die Freiheit im Dezember 1975 geebnet.
Ihr erstes Buch „Stell dich mit den Schergen gut“ – geschrieben 1977 – erschien aber erst 1984, die Suche nach einem Verlag habe sich zunächst schwierig gestaltet. Das Thema habe nicht so recht zur damals ausgegebenen Entspannungspolitik zwischen BRD und DDR gepasst. Zwischenzeitlich sind weitere Bücher im Münchener Herbig-Verlag veröffentlicht worden, u.a. „Der Feind an meiner Seite. Die Spitzelkarriere eines Fußballers“ (2005), in dem Ellen Thiemann die Stasitätigkeit ihres eigenen Mannes aufarbeitet.
Die Vorgeschichte ihres eigenen privaten Unglücks lasse sich jedoch nicht mehr rekonstruieren, die Stasi-Unterlagen der Jahre 1960 bis 1970 fehlen und seien wohl in den letzten Tagen der DDR vernichtet worden. Die Zeitspanne danach habe dann Unfassbares offenbart. Ihr eigener Ehemann sei es gewesen, der die gemeinsam geplante Flucht im Auto im Jahre 1972 verraten und unter dem Decknamen „IM Mathias“ als „größter Spitzel der Stasi unter den Sportredakteuren der DDR“ gegolten habe. Ellen Thiemann habe nach 1990 insgesamt 24 Strafanzeigen gegen ihre ehemaligen Schergen gestellt, mit denen sie sich nicht gut gestellt und daraufhin stark unter ihnen gelitten habe. Die Straftaten seien jedoch als verjährt abgeschmettert worden.
Bis heute leide die 74-Jährige unter den Folgen ihre Haftzeit und werde mit Anzeigen gegen die Nennung von Täternamen in ihren Büchern, anonymen Anrufen und Briefdrohungen behelligt. Am meisten störe sie jedoch, dass „die alten Bonzen des Unrechtsstaates DDR heute unsere Gesetze ausnutzen“, in dem sie die Schilderungen der ehemaligen politischen Häftlinge der DDR mit Anzeigen verfolgten und Unwahrheiten verbreiteten. Für sie sei es eine menschliche Verpflichtung aufzuklären.
(Kl)

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