Das Staunen sei, so meinten schon Aristoteles und Platon, der Beginn des Philosophierens. Bei Jan Wagner wird das Staunen über all das, was zunächst als selbstverständlich erscheint, der Schlüssel zum Verständnis der Welt. Den Zuhörerinnen und Zuhörern, die dem Büchner-Preisträger bei seiner Lesung am Stiftischen Gymnasium in den „verschlossenen Raum“ folgten, wurde vom Autor nicht nur ein poetisches „Selbstporträt mit Bienenschwarm“ vor Augen geführt.
Die Entdeckungsreisen in Jan Wagners literarische Welt führten in beinahe mythisch-magische Welten, über eine Buchhandlung hin zu einem Flughafenterminal oder zu einer erstaunlichen Fauna und Flora, in der eigentümliche Tiere und erstaunliche Pflanzen die Texte bevölkern. Es war ein außergewöhnliches Vergnügen, die Vortragskunst des Dichters im voll besetzten Musiksaal zu genießen, seinen humorvollen und erhellenden Erläuterungen zu folgen. Unaufdringlich, kunstvoll und präzise zugleich nimmt der vielfach ausgezeichnete Lyriker Jan Wagner, der auch als Herausgeber, Übersetzer aus dem Englischen und Amerikanischen sowie als Kritiker hervortritt, die Welt in den Blick. Er lässt den urwüchsigen Giersch die Formen eines Sonetts überwuchern, einen Teebeutel zu etwas ganz Besonderem werden.
So hob Dr. Achim Jaeger als Moderator der Reihe „Lesung und Gespräch“ in seiner Einführung hervor, dass Jan Wagner zurecht zu den interessantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zähle. Die Auswahl der Texte und die Komposition der Lesung überzeugten das konzentrierte Publikum, das der Autor schnell in seinen Bann zu ziehen vermochte. Es war ein besonderer Abend: voller Überraschungen, Humor und Nachdenklichkeit – ein Fest der Sprachkunst.
Dies empfanden auch die Oberstufenschüler des Stiftischen Gymnasiums, die am Folgetag die Gelegenheit hatten, mit Jan Wagner zu Lesung und Gespräch in der Aula zusammenzukommen. Die Auswahl der Texte war eine andere, die Ausführungen Wagners zum Handwerk des Dichtens, zur anspruchsvollen Tätigkeit des Übersetzens und zur Literatur überhaupt boten zahlreiche Anregungen für Fragen und Anlass zum literarischen Gespräch. Beide Veranstaltungen, die von der Bürgerstiftung Düren und dem Verein der Freunde und Förderer des Stiftischen Gymnasiums gefördert wurden, werden in wacher Erinnerung bleiben.
Fotos: Jg und Lnr