Musikleben am Stift (2)

von Astrid Michels

Das Jahr 1994 brachte eine Umstrukturierung der Aktivitäten im Fachbereich Musik am Stiftischen Gymnasium. Hatten bis dahin ein Streichorchester und ein Bläserensemble nebeneinander bestanden, so wurden die beiden Gruppen jetzt zu einem „Großen“ Schulorchester zusammengefügt, „groß“ deswegen, weil die Zahl von 32 Mitwirkenden für damalige Verhältnisse bereits beachtlich schien. Im Januar 1995 fand die erste Orchesterfahrt mit Frau Michels und Frau Küsgens statt, die noch nach Steckenborn ging, in drei vom Caritasverband angemietete Häuser, zwar in einfachem Barackenstil , jedoch malerisch am Hang des Rursees gelegen. Von den Häusern eröffnete sich ein phantastischer Blick in die winterliche Landschaft, die nächsten Nachbarn waren außer Hörweite.
Bereits auf dieser ersten Orchesterfahrt wurden Traditionen begründet, die bis heute anhielten: nach Instrumentengruppen aufgeteilt bereiteten die Schülerinnen und Schüler selbständig die Mahlzeiten vor: Klarinettisten das Frühstück, Geiger das Mittagessen, Posaunisten das Abendbrot …. Die Vorbereitung des Frühstücks am letzten Morgen ist die unbeliebteste Aktion geblieben, denn auf jeder Orchesterfahrt werden die Abende von Tag zu Tag länger, so dass der Frühstückstermin speziell an diesem Morgen als äußerst hart empfunden wird. Natürlich wurde auch intensiv geprobt, Tutti-, Satz- und Stimmproben wechselten miteinander ab. An einem Nachmittag kam Herr Kohleick nach Steckenborn, tüftelte für die Geiger Fingersätze und Bogenstriche aus und studierte die Stimmen mit ihnen ein. Nach und nach wuchs ein Konzertprogramm heran. Am 21. März 1995 stellte sich das neue Orchester zum ersten Mal in der Schulaula dem Publikum und bestritt zusammen mit dem von Herrn Ruf geleiteten Unterstufenchor das Schulkonzert. Eine neue Reihe von im Frühjahr stattfindenden Schulkonzerten war damit eröffnet.

Im Sommer 1996 kam Michael Röttger als weiterer Musiklehrer an die Schule und übernahm den Unterstufenchor, in dem bald mehr als 50 Kinder sangen. Für die Projektwoche 1998 stellte Herr Röttger einen Chor aus Schülerinnen und Schülern der Mittel- und Oberstufe zusammen, der eine Folge von Stücken aus Leonard Bernsteins West Side Story vortrug. Der junge Chor überraschte durch sein peppiges und dynamisches Auftreten sowie die Sicherheit, mit der die Stücke vorgetragen wurden. Dieser Chor überdauerte die Projektwoche und wurde zum festen Bestandteil des Schullebens.

Im Schuljahr 1999/2000 gab es erstmals einen Instrumentalpraktischen Kurs in der Jahrgangsstufe 12, damals ein Experiment, galt es doch 13 Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichen Instrumenten zu einem harmonisch klingenden Ensemble zu verschmelzen. Der Kurs einigte sich auf Stücke für Bigbandbesetzung, allerdings war es dazu notwendig, dass mehrere Schüler ein Zweitinstrument erlernten und alle gemeinsam einen Schlagzeugkurs absolvierten. Auch der Instrumentalkurs trat nun beim Schulkonzert auf, und so wurde das dargebotene Konzertprogramm von Jahr zu Jahr umfang- und abwechslungsreicher.

Dieser erste Instrumentalkurs führte zur Idee der Gründung einer jahrgangsstufenübergreifenden Bigband. Die dafür erforderlichen Bläser gab es in großer Zahl im Schulorchester, und auch die Rhythmusgruppe war schnell zusammengestellt. Die Probenarbeit unter Leitung von Frau Michels begann und wurde regelmäßig fortgesetzt. Im Schulkonzert 2001 die neugegründete Bigband war zum ersten Mal mit „California Dreaming“ und anderen Hits aus der Zeit des Swing zu hören. Fast alle ihre Mitglieder spielten zusätzlich weiterhin im Schulorchester.
Das Schulorchester war inzwischen angewachsen, so dass die Unterkunft in Steckenborn für die alljährliche Fahrt zu klein wurde. Seit 2001 hieß das Ziel Ahrhütte. In dem kleinen abgelegenen Ort nahe Blankenheim residierten wir für drei Tage im Haus der Pfadfinderschaft St. Georg. Trotz der Zahl von nun etwa 50 Teilnehmern hielten wir am Selbstversorgerprinzip fest, begrüßten es allerdings sehr, dass die Küche des Hauses 2003 mit einer Spülmaschine ausgestattet wurde.
Der musikalische Anspruch wurde deutlich höher. Neben Stücken aus dem klassisch-romantischen Repertoire studierten wir jeweils eine Filmmusik und vorwiegend unterhaltsame Stücke ein.

Auch im Chorleben gab es eine Änderung: Im Sommer 2000 wechselte Herr Röttger an eine Schule im heimatlichen Münsterland. Für ihn kam Herr Markus Mönkediek ans Stiftische Gymnasium und übernahm den Unterstufenchor. Schon bald wurde ein Musical angekündigt, und eine bis dahin nie da gewesene Zusammenarbeit von Lehrern, Schülern und Eltern begann: Herr Mönkediek studierte mit inzwischen 85 Kindern Chor- und Sologesänge ein, Frau Hembach probte mit Schauspielerinnen und Schauspielern, und donnerstags abends fand sich eine Gruppe von Eltern ein, die mit den beiden Kollegen Bühnenbilder und Kostüme entwarf und herstellte. „Geisterstunde auf Schloss Eulenstein“ sollte am 1. März 2002 aufgeführt werden, doch schon bald stellte sich heraus, dass es nicht bei einer Aufführung bleiben konnte, eine zweite musste für den nächsten Tag angesetzt werden.
In kurzen Abständen folgten weitere Musicals: 2003 „Der kleine Tag“, im Herbst 2004 „Tabaluga“ und im Frühjahr 2006 „Der kleine Prinz“, letztere jeweils von einem Mittelstufenchor getragen. Die musikalische Begleitung übernahmen entweder die inzwischen auch von Herrn Mönkediek geleiteten Instrumentalkurse oder eine eigens zusammengestellte Band. Zur Vorbereitung fuhr man in die Jugendstätte Rursee in Schmidt, wo intensivst geprobt wurde.
Der Instrumentalkurs des Schuljahres 2004/2005 veranstaltete als erster ein eigenes Konzert am Schuljahrsende. „Impulse“ hieß das Motto, im Jahr darauf folgte „À la carte“, eine musikalisch-kulinarische Reise durch Zeiten und Stile, 2007 hieß das Motto MusicBox und für 2008 ist „VIP“ vorgesehen.
Nicht denkbar wären diese IP-Konzerte ohne die kompetenten Mitglieder der Technik-AG, die weder Zeit noch Mühe scheuen, die musikalischen Darbietungen ins rechte Licht zu rücken. Ihre phantasiereiche Ausleuchtung der Bühne machen die Konzerte neben dem akustischen auch zu einem optischen Erlebnis.
Orchester und Bigband vergrößerten sich derweil weiterhin. Nach wenigen Jahren bot auch die Unterkunft in Ahrhütte nicht mehr genug Platz. Seit 2006 ist die moderne Jugendstätte Rursee das Ziel der alljährlichen Probenfahrten im Januar. Mit Johannes Brahms’ Akademischer Festouvertüre wurde für das Schulkonzert 2006 ein äußerst anspruchsvolles Werk einstudiert.
Die musikalischen Aktivitäten des Stiftischen Gymnasiums bleiben nicht auf die Schule selbst beschränkt. Das Turmblasen an Heilig Abend ist ebenso ein traditioneller Fixpunkt für die Bläser des Stiftischen Gymnasiums wie der Nachmittag des 16. November, an dem in jedem Jahr ein Blechbläserensemble die musikalische Gestaltung der städtischen Gedenkfeier für die Opfer des 16. Novembers 1944 übernimmt.
Im Herbst 2004 bot das Dürener Konzertforum Cappella Villa Duria eine Zusammenarbeit mit Schülern des Stifts an: seitdem gab es bereits dreimal ein gemeinsames Weihnachtskonzert mit dem von Markus Mönkediek geleiteten Unterstufenchor. Bereits optisch boten die zunächst 105, später 130 und 150 festlich gekleideten Kinder auf der Bühne im Haus der Stadt ein phantastisches Bild. Diszipliniert und klangschön sangen sie zur Begleitung des Orchesters alte und neue Weihnachtslieder.
In einem ganz anderen Bereich arbeiteten zwei Musik-Grundkurse der Jahrgangsstufe 11 mit der Cappella Villa Duria zusammen: im Sommer 2005 übernahmen die insgesamt 40 Schülerinnen und Schüler zweier Musik-Grundkurse unter der Leitung von Frau Michels die Moderation einer konzertanten Opernaufführung. In Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ boten sie den Zuschauern durch Standbilder, kurze Szenen und Tänze einen Leitfaden durch die Handlung. Auch die Lichtregie im Haus der Stadt wurde von Mitgliedern des Kurses übernommen , ebenso die Plakat- sowie die Programmheftgestaltung. „Ein richtungweisendes Kulturprojekt“ überschrieb die Dürener Zeitung ihren Artikel über die allseits gelobte Aufführung. Dass es nicht bei dieser einen bleiben sollte, war schnell klar: eine Arbeitsgemeinschaft von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Jahrgangsstufen moderierte im Mozartjahr 2006 die „Die Hochzeit des Figaro“, entführte das Konzertpublikum 2007 in Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ auf eine holländische Werft und ließ 2008 in Friedrich Smetanas Oper „Die Verkaufte Braut“ das Leben in einem böhmischen Dorf des 19. Jahrhunderts lebendig werden.
Die internen Musikaktivitäten haben nun seit vielen Jahren einen festen Platz im schulischen Leben. In unseren Ensembles wuchs die Teilnehmerzahl stetig an: So spielten beim Schulkonzert 2008 im Schulorchester und/oder in der Bigband 75 Musikerinnen und Musiker, 170 Kinder sangen im Unterstufenchor, der Instrumentalkurs zählte 25 Mitglieder. Insgesamt waren etwa 250 Aktive auf der Bühne – jeder vierte Schüler des Stiftischen Gymnasiums.