Theaterarbeit 1975 – 1988/89

von Bruno Reuter

Begonnen hat alles mit einer Öffnung der Methoden im Deutschunterricht: Stegreifspiel als Möglichkeit, gegebene Erzählvorlagen kreativ um – und auszugestalten und zugleich die eigene Persönlichkeit in Auseinandersetzung mit Text und Publikum, mit Text und Mitspieler zu entwickeln, dies stand am Beginn einer Theaterarbeit, die in der Festwoche der 175-Jahrfeier im Oktober 1976 einen ersten Höhepunkt fand und dann über zwölf Jahre kontinuierlicher Arbeit mit verschiedenen Gruppen zu sechzehn Produktionen führte.
Wichtig war dabei vor allem, dass immer wieder Nachwuchsgruppen aus Unter- und Mittelstufe aufgebaut und dann an anspruchsvolle große Stücke herangeführt wurden. Sehr wesentlich auch, dass seit 1981 in Zusammenarbeit mit Frank Pliestermann eine Spiel- und eine Bühnengruppe gemeinsam die Texte studierten, Konzepte entwarfen und dann in vorübergehend getrennter Arbeit die Aufführungen zustande brachten. Höhepunkte dieser interessanten und fruchtbaren Zusammenarbeit waren neben den Aufführungen von Frisch und Dürrenmatt auch die von Molieres Eingebildetem Kranken, wobei mit einer kleinen Balletteinlage der Kreis der Zusammenarbeit noch erweitert wurde.
Die aus meiner und Frank Pliestermanns Sicht wichtigste Produktion war die Aufführung von Frischs Andorra, die dank hervorragend spielender und mitarbeitender Schüler – eher unsere Partner als unsere Schüler! – zu einem besonders eindruckvollen und unvergesslichen Erlebnis wurde.
Wichtige, oft unvergessliche Erlebnisse, das waren natürlich für Mitwirkende und Zuschauer alle Stücke, zumal sie über wenigstens ein Jahr erarbeitet und erspielt wurden und jede Gruppe auf der Stufe ihrer Möglichkeiten Gelegenheit erhielt, ihr Können öffentlich zu erproben.
Für Schüler der 7.Klasse ist es sicherlich eine überragende Leistung, wenn sie – wie im „Gartenzaun“ – ohne festen Text, aber nach klarer Absprache bezüglich Szeneninhalt und Charakter der Figuren frei und kreativ miteinander spielen, so dass die Szenen nicht zu kurz, aber auch nicht zu lang werden, nämlich gerade so lang, bis der Gartenzaun in einer festgelegten Anzahl von Szenen vollständig gestrichen ist! In der Spielgruppe der 7c, die dies 1976 bravourös schaffte, spielten viele, die später in anspruchsvolleren Produktionen von Dürrenmatt und Frisch mitwirkten, z.B. Veerle Op de Beek und Ursula (Uschi) Krosch sowie Joachim Kuban und Ralf Nolten (letztere auch in Hauptrollen in Dürrenmatts „Romulus bzw. in „Ein Engel kommt nach Babylon“), die alle zuvor auch in Stücken der Großen Gelegenheit fanden, sich in kleinen Rollen an die Atmosphäre des „großen“ Theaterabends zu gewöhnen.     
Es ist unmöglich, im Rahmen einer solchen Erinnerung die Namen aller Beteiligten zu nennen – fühlt Euch bitte alle stellvertretend mitgedacht und mitgenannt -, und es sei mir erlaubt ,in diesem Sinne einige Mitwirkende aus allen Gruppen kurz hervorzuheben. Aus der 10/11a, deren Projekt zu Falladas „Kleiner Mann was nun?“ (mit Hardy Keymer und Angela Joopen in den Hauptrollen) ebenfalls während der Festwoche 1976 vor Eltern und Schülern aufgeführt wurde, ist unbedingt Marcel Keller zu nennen. Nach wichtigen Rollen und Aufgaben in der großen Aufführung nach Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ (das Skript in Klasse 11 als modernes Theaterexperiment erarbeitet von Angela und Claudia Joopen, Marcel Keller, Almut Piesker, Monika Simons und Christoph Wolf und aufgeführt in 40 Bildern mit André Braun als Diederich Heßling in der Hauptrolle) und in Büchners Leonce und Lena (Marcel hatte jeweils eine Hauptrolle, entwarf bzw. betreute das Bühnenbild) blieb er auch beruflich der Bühne treu: Nach Lehrjahren bei Professor Rose in München führte ihn sein Weg an verschiedene große Opern- und Schauspielbühnen Europas (Berlin, Paris, Zürich Stuttgart). Heute lebt und arbeitet Marcel als freier Künstler, v.a. als Bühnenbildner und Regisseur. Als sein Freund dabei damals schon mit der Kamera Ludwig Körfer, der als Theaterfotograf für die Gruppe arbeitete und wie Marcel der Bühne bis heute beruflich verbunden ist.
Zur Bühne zog es nach dem Abitur auch Waldemar („Waldi“) Kobus, der als Dreizehnjähriger bereits eine wichtige Nebenrolle in Dürrenmatts Romulus der Große übernehmen durfte und souverän gestaltete! Eine Nebenrolle noch in Andorra, war er 1984 und 1985 jeweils in einer Hauptrolle zu sehen. Nach Abschluss der Ausbildung einige Jahre am Schauspielhaus Bochum, lebt er heute als freier Künstler und war u.a. in verschiedenen Tatort-Krimis zu sehen. (Eine Zeitlang blieb aus derselben Klasse wie Waldemar auch Imme Hackmann dem Theater verbunden, u.a. als Regieassistentin z.B. am Stadttheater Freiburg/i.Brsg.) Sinn und Geschmack an Rollen in der Öffentlichkeit gewannen auch Joachim Kuban und Ulrich Stockheim: Joachim zeigt heute sein Können als Entertainer und Unternehmer, Ulrich hat nach wichtigen Rollen im Schultheater (z.B. als „der Lehrer im „Besuch der alten Dame“) in Hauptrollen als Börsenkenner sein Auskommen. Unter anderem fand er für ein Jahr an der Wallstreet Brot und Bühne, und heute – wer kennt ihn nicht als „Mr. Dax“? – stehen seine Bücher in manchem Buchregal!
Zurück aber nun zu den Anfängen und zum Ende einer Geschichte der Theatergruppen, die zwischen 1975 und 1989 als freie Arbeitsgemeinschaften außerhalb des Unterrichts geführt wurden (dies gilt ab 1981 auch für Frank Pliestermanns Bühnengruppe).
Erwähnen möchte ich vom Anfang her die Begründer oder besser Begründerinnen der Oberstufengruppe: Es waren Schülerinnen der Horremer Realschule Mater Salvatoris, die im Sommer 1975 in die Oberstufe des Stiftischen Gymnasiums gewechselt waren. Sie meldeten sich bei mir im Frühjahr 1976 und bemängelten, dass mit Schülern der 7 und der 10 beim Jubiläum gespielt werden solle, um sie kümmere sich aber niemand. Als ich einwandte, ich sei Deutschlehrer und hätte keine Erfahrung mit dem Theater, sagten sie „aber wir“, und verwiesen auf die Theatergruppe an ihrer ehemaligen Schule. Und die, so stellte ich dann fest, war vorzüglich gewesen. So fing mit Petra Landsberg, Bärbel Krumm, Irene Brings, Carmen Schnorpfeil und Elisabeth Lehmacher die „große“ Theaterarbeit der Oberstufengruppen an, und diese sehr lebendigen und begabten jungen Damen wussten genügend männliche Kollegen anzuwerben (fürs Bühnenbild als Alleinverantwortlichen z.B. Klaus Willeken). Nach ihrem Abitur dann übernahmen die Gruppen der ehemaligen 7c bzw. 10a das Feld, und alles schob sich in neue Jahrgangsstufen weiter. Am Ende stand als vorletzte große Produktion Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ auf dem Programm (in den Hauptrollen Stefan Braun als Ill und Bärbel Graßmann als Claire Zachanassian) und als letzte – im Herbst 1988 – Molieres „Eingebildeter Kranker“ (mit großem Erfolg gegeben von Alexander Sistenich).
Die hier als Tänzerinnen mitwirkenden Schülerinnen der Klasse 7c (Ana Maria Castell, Astrid Landkotsch und Heike Rosenbaum unter Leitung von Frau Marja Bardenberg), und andere sehr begabte Nachwuchskräfte hatten dann keine Möglichkeit mehr, in einer Gruppe der Oberstufe mitzuwirken (geplant war eine Aufführung von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“), denn die noch ein paar Jahre neben dem Unterricht weiterlaufende Probenarbeit konnte schließlich nicht mehr fortgeführt werden. Einer aus dieser Gruppe, Harald Frings, ließ sich davon nicht abhalten, seinem Interesse an der Theateratmosphäre, vor allem seinem Interesse an der Bühnentechnik in anderen Gruppen der Schule nachzugehen und hat dieses Interesse nach Abschluss der Schule in Ausbildung und Beruf eingebracht.
Zum Abschluss möchte ich nochmals auf die von mir bereits hervorgehobene Aufführung von Frischs Andorra im März 1983 zurückkommen. Sie war nicht nur von Seiten der schauspielerischen Anforderung und Leistung ein Höhepunkt der Arbeit (stellvertretend möchte ich hier die drei Hauptdarsteller nennen: Florian Müller als Andri, Susanne Nentwig als Barbli und Laurentius Kolodziej als Soldat Peider), sondern auch im Blick auf die gemeinsame Arbeit beider beteiligter Lehrer und Gruppen. Wie Frank Pliestermann seine Bühnenbilder vorschlug, wie souverän und kompetent „seine“ Schüler eigene Vorschläge einbrachten – hier besonders zu nennen Kirsten Leidreiter und Dagmar Möhle – und wie dann in und nach gemeinsamer Konzeption ein Bühnenraum entstand, der sparsam und ernst in Aufwand und Farbe für uns ein beeindruckender Spielraum wurde.
Natürlich brauchten wir viele Hände und viele Fähigkeiten: ohne Maske kein Theater! Geschminkt und frisiert haben über viele Jahre Elisabeth Lehmacher, Dorothee Bücken, Monika Simons, Brigitte Herten und Uschi Krosch. Und ohne Hilfe von Eltern wäre auch wenig gegangen. Stellvertretend für alle darf ich Frau Spitthaler danken, die neben zwei theaterspielenden Töchtern ihre Beziehungen zum Kölner Theaterfundus und selbst ihr Haus – zum Feiern – zur Verfügung stellte.
An solche Arbeit werde ich mich mein Leben lang gern erinnern, und ich denke, dies gilt für alle, die über die Jahre mitgemacht oder unsere Arbeit unterstützt und begleitet haben!