Abenteurer und Aktivist Rüdiger Nehberg begeistert am Stift

15. April 2017 19:47

Mit einem selbstgebauten Floß über den Atlantik fahren? Mit zwei Kamelen eine Wüste durchqueren? Alleine, nur mit einem Messer und einem Wasserkanister ausgerüstet, durch den brasilianischen Regenwald reisen? Das klingt nach kaum zu bewältigenden Herausforderungen, doch für Rüdiger Nehberg zählt all dies zu seinen Lebenserfahrungen.

Am 3. April 2017 besuchte der 81-jährige, auch unter dem Namen „Sir Vival“ bekannte, Überlebenskünstler Rüdiger Nehberg unsere Schule und erzählte in lebendigen Vorträgen über sein Leben. In der dritten und vierten Stunde hielt er einen Vortrag für die Schüler der Sekundarstufe I und berichtete dabei über seine spannenden Reisen quer über den gesamten Globus und von seiner Reise quer durch Deutschland, bei der er seine körperlichen Grenzen kennenlernen wollte. Er verzichtete nämlich auf Proviant und musste den Ekel, Insekten zu essen, überwinden. Rüdiger Nehberg überquerte mit einem Floß, bestehend aus einem dicken Baumstamm und ein paar weiteren Holzpfosten, den atlantischen Ozean. Ein weiteres Abenteuer, dieses Mal nicht alleine, führte ihn mit einem Floß nach Afrika, wo er den Nil befuhr. Dabei hatten die Reisenden etwa zwei Mal am Tag Krokodilangriffe abzuwehren.

Rettung der Yanomami-Indianer

Doch das eigentliche Thema dieses Vortrags war die Rettung der Yanomami-Indianer im Norden Brasiliens. Als deren Existenz durch Goldsucher bedroht wurde, machte es sich Rüdiger Nehberg zur Aufgabe, die Yanomami zu retten. Er reiste viele Tage allein durch den Regenwald, nur ausgerüstet mit einem Messer, einem Wasserkanister und einer Mundharmonika, damit ihn die Einheimischen kommen hören würden. Die ersten Lebewesen, die er jedoch traf, waren eine Anakonda und zwei Jaguare. Erst später fand er die Indianer, oder besser gesagt: sie fanden ihn. Er signalisierte ihnen, dass er keine Gefahr darstellte und mehrere Wochen lebte er mit in ihrem Stamm. Dabei sah der Abenteurer die Zerstörung, die die Goldsucher anrichteten.

Was das Ganze noch schlimmer machte, war, dass eigentlich in der Verfassung Brasiliens festgeschrieben steht, dass niemand dieses Gebiet ohne Weiteres auch nur betreten darf. Später reiste Nehberg noch einmal nach Brasilien, diesmal zusammen mit einem Freund, der während ihrer Reise Bildmaterial für einen Film sammelte. Dieses Mal gaben sie sich selbst als Goldsucher aus und schufteten, während sie weiter den Film drehten. Später wurde dieser im deutschen Fernsehen ausgestrahlt und auch der brasilianischen Regierung vorgesetzt, die daraufhin sofort dafür sorgte, dass das Gebiet der Yanomami-Indianer nicht mehr angerührt wird.

Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung

Der Sekundarstufe II berichtete Rüdiger Nehberg anschließend auch über diese Aktion, doch ging es am Ende hauptsächlich um sein Engagement gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Unglaublich sind die Erfolge, die er schon erreicht hat. Zunächst reiste der Aktivist durch die Wüste und machte sich ein Bild von dem, was dort geschah. Die zum größten Teil sehr armen Menschen nahmen ihn mit aller Gastfreundschaft, die man sich erhoffen kann, auf und schnell sah er das Problem: Mädchen, die nicht älter als acht Jahre waren, häufig sogar Neugeborene, wurden, nicht aus reiner Grausamkeit, sondern aus Unwissenheit, beschnitten.

In erster Linie Muslime, aber auch Christen verschiedener Glaubensrichtungen, äthiopische Juden und Anhänger traditioneller Religionen praktizieren diesen Brauch. Die Menschen wussten nicht, dass die Religion eine weibliche Beschneidung nicht vorsieht. Somit wurden unbeschnittene Mädchen als unrein angesehen und hatten keine Chance zu heiraten. Der einzige Ausweg für diese war dann die Prostitution. Nach vielen Jahren, im November 2006, schafft es Nehberg, unter der Schirmherrschaft des Großmufti von Ägypten, Prof. Dr. Ali Gom`a, ein Treffen mit vielen wichtigen islamischen Gelehrten zu arrangieren. Nach nur wenigen Stunden unterzeichnete der Großmufti selbst eine Fatwa, ein Art Rechtsgutachten, mit der Kernaussage: „Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen. Es verstößt gegen höchste Werte des Islam.“

Berührend und inspirierend

In diesem Zusammenhang entstand auch das goldene Buch, welches gratis an die Vorbeter in den Moscheen der 35 Länder, in denen Genitalverstümmelung noch üblich ist, verteilt wird. Es ist Kernbestandteil der großen Aufklärungskampagne. Dies war ein gewaltiger Durchbruch. Doch Rüdiger Nehberg hörte an dieser Stelle noch lange nicht auf. Immer mit größter Unterstützung seiner Frau, Annette Nehberg-Weber, und noch einigen anderen, errichtete er eine Geburtsklinik mitten in Äthiopien. Frauen reisen von weit her an, um dort mit professioneller medizinischer Unterstützung ihre Kinder sicher zur Welt bringen zu können.

Das letztes großes Ziel des Überlebenskünstlers ist es, eine Audienz bei dem saudischen König zu erhalten, damit dieser offiziell verkündet, dass die Beschneidung eine Sünde ist. Denn dann würde es laut Nehberg die ganze Welt erfahren. Außerdem möchte er ein 40 Meter großes Transparent in Mekka aufhängen, auf welchem in mehreren Sprachen die Kernaussage der Fatwa steht. Eine Vorlage dieses Transparentes, natürlich in kleinerem Format, hatte er auch mitgebracht. Die Schüler waren alle begeistert und die Oberstufenschüler, die den Vortrag über die Genitalverstümmelung hörten, waren zutiefst berührt, zugleich aber auch inspiriert von seinem Erfolg und davon, mit wie viel Herz er bei der Sache ist. Alle fanden es bewundernswert, wie viel man erreichen kann, wenn man es wirklich möchte, ganz nach Frau Nehbergs Worten: „Einfach kann jeder.“ Und nicht wenigen kamen am Ende der Veranstaltung die Tränen.

Wer das Engagement von Rüdiger Nehberg und seiner Frau unterstützen möchte, kann Geld an ihre Organisation „Target“ spenden. Am 24. Juni 2017 findet des Weiteren ein Sponsored Walk statt, bei dem das Stiftische Gymnasium Geld sowohl für „Target“ als auch für die Schule sammelt. Ich bin sicher, dass sich nach diesen Vorträgen alle Schüler besonders anstrengen werden.

Alma Weißhaupt aus der Schülerzeitungs-AG
Fotos: Kli